Legende des Brunnens / La Légende du Puits 2017-01-06T17:00:18+00:00

Mittelalterliche Legende

Die Legende des Brunnen

Die Brunnenbauer graben ohne Unterlass und immer noch ist kein Wasser da. Dieser Brunnen scheint verflucht zu sein!

Müde gibt der Freiherr von Fleckenstein einem sonderbaren Fremden nach, die ihm sensationelle Ergebnisse verspricht. Um sich davon zu überzeugen, steigt er in den Brunnen hinab, so tief, dass er die Flammen der Hölle wild lodern sieht, während sein Brunnenbauer sich in den hämisch lachenden Teufel verwandelt.

Mutig fleht der Freiherr Gott an, seine Diener ziehen den Korb hinauf, der Teufel verschwindet in den Rauchwolken und der Kaplan reinigt den Brunnen, indem er ihn mit Weihwasser segnet.

Ende gut, alles gut: Der Brunnen füllt sich mit klarem und frischem Wasser.

Legende des Brunnens nach François de Gourcez*

Seit fast 1000 Jahren ist den Überlieferungen zufolge im Tal der Sauer bekannt, dass der erste Herrscher des Fleckenstein, Gottfried, bei seiner Ankunft auf dem Felsen den Befehl gab, einen Brunnen zu graben, um gegen alle Feinde gewappnet zu sein.

Nach wochenlanger schwerer Arbeit und obwohl sie über 100 Fuß tief gegraben hatten, hatten die Brunnenbauer noch immer kein Wasser gefunden.

Der Abgesandte des Kaisers war verzweifelt, als sich eines Abends ein Mann vorstellte.

„Für 10 Goldtaler und Euren guten Willen, mein Herr, werde ich Wasser finden“, entgegnete er ihm mit einer Selbstsicherheit, die den Ritter beeindruckte.

Obwohl er den Mann sehr sonderbar fand, nahm Gottfried das Angebot an, das ihm gerade unterbreitet worden war. Der Fremde machte sich ans Werk.

Man sah ihn in das trockene Loch hinabsteigen und bald darauf hörte man ohne Unterlass Pickelschläge. Als der Mann am Abend aus dem Loch herauskam, erwartete Gottfried ihn mit Bangen.

„Und?!“, fragte er ungeduldig.

„Wartet noch, Herr…“, antwortete ihm der Mann mit der gleichen Seelenruhe.

Am nächsten Morgen kam der Mann in einem Korb aus dem Brunnen, der oberhalb des Lochs befestigt war, und ließ sich erneut in den Brunnen hinunter.

Die Männer, die das Rad drehten, maßen 200 Schritte Schnur. Noch niemals zuvor hatte man einen Brunnen gesehen, der so tief war und doch trocken blieb.

Ein weiterer Tag verging, an dem man die ganze Zeit die Pickelschläge des Unbekannten vernahm. Am Abend jedoch verkündete der Mann, genauso wie am Vorabend, dass sein Werk noch nicht vollbracht sei. Deshalb ließ er sich am darauffolgenden Morgen erneut in das gähnend tiefe Loch am Fuß des riesigen Felsen des Fleckensteins hinunter. Die Pickelschläge waren wieder den ganzen Tag zu hören. Zum großen Erstaunen aller schien sich der Mann keine Trink- oder Essenspause zu gönnen. Bis wohin würde er graben? Am Morgen waren es schon 300 Schritte Seil gewesen.

Als die Sonne unterging, hörten die Pickelschläge plötzlich auf. Eine hohle Stimme forderte, dass man den Korb bis zu ihm hinunterließe. Die Männer Gottfrieds gehorchten und holten den Fremden bald darauf nach oben.

„Ist er nun fertig?“, fragte Gottfried.

„Kommt mit mir, Herr! So werdet Ihr es selbst sehen“, entgegnete der Mann nur mit unglaublicher Ruhe.

Der Vorfahre der Freiherren von Fleckenstein stieg neben den eigenartigen Brunnenbauer in den Korb und befahl, diesen hinunter zu lassen. Das Rad quietschte unter der Last, während die beiden Männer in der Tiefe des Lochs verschwanden. Sie waren schon bei 200 Schritt angelangt, als Gottfried eine eigenartige Wärme aus dem Loch aufsteigen spürte.

„Was kann das wohl sein?“, rief er aus.

 

„Nichts oder ganz wenig, Herr…Nichts oder eher wohl alles… Das Ende deines Kummers und das Wasser, das du suchst, wenn du bereit bist, einen Pakt mit mir zu schließen…“, antwortete ihm der Mann in einem geheimnisvollen Ton.

Der Ritter glaubte plötzlich, in der Dunkelheit zwei schreckliche Augen zu sehen, die ihn starr anblickten.

Der Korb sank weiter und es kam immer mehr Wärme aus der Tiefe des Lochs zu ihnen herauf.

„Ich will deine Seele, Gottfried. Dann gehört alles Wasser aus der Tiefe der Erde dir!“, schrie der Fremde mit einer Grabesstimme.

Der Herrscher von Fleckenstein erzitterte. Der Mann, der neben ihm im Korb stand, glich nun nicht mehr wirklich einem Menschen. An der Stirn waren ihm Hörner gewachsen, die Augen waren wie glühende Kohlen und sein Lachen noch hämischer als das des Teufels.

Satan…

Plötzlich verstand Gottfried. Schnell bekreuzigte er sich dreimal, was eine schreckliche Grimasse des Teufels zur Folge hatte, denn es war eindeutig er, der durch seine List den Vorfahren der Familie Fleckenstein in das Erdinnere lockte.

Der Ritter begann, das „Vater unser“ aufzusagen und dieses Gebet beförderte seinen schrecklichen Begleiter mit einem kräftigen Schlag aus dem Korb. Sein Sturz schien ewig zu dauern und war von einem hämischen Lachen begleitet, das Gottfried sein ganzes Leben nicht vergessen würde.

Nun sammelte Gottfried all seine Kräfte und befahl seinen Leuten mit einer donnernden Stimme, ihn schnellstens hinaufzuziehen. Er wäre sicherlich imstande gewesen, selbst am Seil hochzuklettern, wenn seine Diener, verängstigt durch den markerschütternden Schrei, ihn nicht schnellstens mit all ihrer Kraft hochgezogen

hätten.

Als Gottfried wieder das Tageslicht erblickte, ging die Sonne gerade hinter den Bergen unter. Er bekreuzigte sich ein weiteres Mal und befahl dann, dass alle sich hinknien und beten sollten. Ohne zu verstehen folgten alle seinem Beispiel und ein inniges Stoßgebet ging in den Himmel.

In diesem Augenblick hörte man einen tosenden Lärm aus dem Inneren des Brunnens und plötzlich floss Wasser über den Brunnenrand.

So entstand der Brunnen des Fleckensteins, der, wie man sich erzählt, mehr als hundert Meter tief ist und zu dem der erste Herrscher am Fleckenstein dadurch kam, dass er dem Bösen widerstand und zu Gott betete.

Es wird jedoch auch behauptet, dass der Teufel, der tief im Felsen lebt, dort immer noch hämisch lacht und dass derjenige, der sich aus Versehen zu sehr über den Brunnenrand beugt, ihn noch lachen hören kann, so wie er es hier schon seit tausend Jahren tut, und dann plötzlich von seinen eigenen Dämonen heimgesucht

wird…

*Schriftsteller, der 2008 am Fleckenstein wohnte

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